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Superintendent Andreas Behr im Interview

17. Dezember 2025

„Von der Freude erzählen – mitten in allem, was herausfordert“

Predigt zur Einführung als Superintendent. Foto: Schwanitz/Sprengel Lüneburg

Mit einer persönlichen und zugleich herausfordernden Frage eröffnete Andreas Behr seine Predigt zur Einführung als Superintendent im Kirchenkreis Gifhorn: „Geht’s euch gut?“ Dieselbe Frage stellte er auch am Ende wieder – nicht aus Routine, sondern mit einer klaren Absicht. Im Gespräch erklärt der 55-Jährige, warum diese Frage für ihn mehr ist als eine freundliche Begrüßung und was sie über seinen Blick auf Kirche und Gemeinschaft verrät.

Herr Behr, Ihre Predigt zu Ihrer Einführung als Superintendent im Kirchenkreis Gifhorn beginnt und endet mit derselben Frage: „Geht’s euch gut?“ Warum stellen Sie diese Frage so bewusst und so oft?

Weil sie mehr öffnet als man denkt. „Wie geht’s?“ ist schnell beantwortet, oft automatisch. „Geht’s euch gut?“ dagegen bleibt einen Moment stehen. Sie lädt dazu ein, ehrlich hinzuspüren – ohne Druck. Manchmal kommen dann Sorgen zur Sprache, manchmal aber auch etwas ganz anderes: Dankbarkeit, Freude, ein segensreicher Moment. Beides darf da sein. Und genau diese Offenheit halte ich für eine geistliche Haltung.

Sie greifen in Ihrer Predigt die Geschichte von Philippus und dem äthiopischen Finanzbeamten auf. Was spricht Sie an dieser Begegnung besonders an?

Mich begleitet diese Geschichte schon sehr lange. Manchmal habe ich das Gefühl, da steckt – fast – alles drin, was es über das Evangelium zu sagen gibt. Zwei Menschen begegnen sich auf Augenhöhe. Der Starprediger Philippus war gerade noch von keinem geringerem als dem Chefjünger Petrus gelobt worden. Nun ist er in der Wüste und begegnet dem Eunuchen. Und die beiden begegnen sich wirklich, tauschen sich aus, und übrigens: Beide werden dann nass. 

Sie erwähnen, dass spätere Handschriften der biblischen Geschichte noch ein Glaubensbekenntnis eingefügt haben. Warum ist Ihnen dieser Hinweis wichtig?

Weil er zeigt, wie unterschiedlich Geschichten erzählt werden können. Man kann Ordnung hineinlesen, Kontrolle, Absicherung. Oder man erzählt von Vertrauen und Zuspruch. Beides ist möglich – aber es macht einen Unterschied. Ich selbst erzähle lieber von dem Gott, der Menschen zur Freude hilft.

Ein wiederkehrendes Motiv Ihrer Predigt ist der Gegensatz von Krisenerzählungen und „Geschichten vom Gelingen“. Warum halten Sie diese Unterscheidung für so entscheidend?

Weil Geschichten Wirklichkeit prägen. Wenn wir uns ausschließlich über Verluste definieren, verengen wir unseren Blick. Natürlich gibt es Hunger, Krieg, Katastrophen – damals wie heute. Aber es gab eben auch vor 777 Jahren Menschen, die angefangen haben, einen Dom zu bauen. Menschen, die nicht wussten, ob ihr Werk jemals vollendet würde, und es trotzdem begonnen haben. Das ist für mich eine Erzählung von Hoffnung.

Der Bau des Kölner Doms ist eines der starken Bilder Ihrer Predigt. Was lässt sich daraus für Kirche heute lernen?

Dass wir nicht alles fertig sehen müssen. Kirche ist kein Projekt mit kurzer Laufzeit. Jede Generation trägt ihren Teil bei – manchmal sichtbar, manchmal ganz unspektakulär. Niemand hat damals Überstunden gemacht, um schneller fertig zu werden. Und doch ist etwas Großes entstanden. Dieses Vertrauen in langfristiges Gelingen wünsche ich mir auch für kirchliches Handeln heute.

Sie sagen sehr klar: Sie möchten am Ende Ihrer Amtszeit nicht von Kirchenschließungen und Austritten erzählen. Was stattdessen?

Ich möchte erzählen von lebendigen Kirchen. Von Gottesdiensten, in denen gefeiert wurde. Von Festen, von Vielfalt, von Orten, an denen Menschen Kraft geschöpft haben. Von Umweltschutz, den wir als Bewahrung der Schöpfung ernst genommen haben. Von Begegnungen, in denen etwas aufgegangen ist. Das heißt nicht, Probleme zu leugnen – aber sie sind nicht die ganze Geschichte.

Sie benennen drei Gründe, warum Sie vom Gelingen erzählen wollen: vernünftig, klug und fromm. Können Sie das noch einmal entfalten?

Vernünftig ist es, weil Freude motiviert. Menschen schließen sich lieber zusammen, um etwas Gutes zu gestalten, als um gemeinsam unterzugehen. Klug ist es, weil permanentes Problemdenken Probleme größer macht. Und fromm ist es, weil es dem biblischen Blick entspricht: Gott sieht die Welt an und sagt, sie ist gut. Das verpflichtet uns, das Gute wahrzunehmen – auch und gerade mitten in der Krise.

Sie sprechen auch sehr sensibel über den äthiopischen Finanzbeamten als eine Person, die gesellschaftlich nicht eindeutig zuzuordnen ist. Welche Rolle spielt Vielfalt für Sie kirchlich?

Eine sehr große. Die Bibel erzählt immer wieder von Menschen, die nicht in klare Schubladen passen – und die gerade deshalb besondere Gotteserfahrungen machen. Kirche sollte ein Ort sein, an dem Vielfalt nicht nur geduldet, sondern als Reichtum verstanden wird. Auch das ist für mich eine Geschichte vom Gelingen.

Manche könnten einwenden: Ist das nicht zu optimistisch? Zu wenig realistisch?

Ich halte es eher für gefährlich, immer nur das Negative zu sehen. Natürlich müssen wir Probleme benennen und bearbeiten. Aber genauso realistisch ist es, das Gelingen wahrzunehmen. Wenn wir das nicht tun, wird unsere Perspektive schief. Ich habe einmal gesagt: Es grenzt fast an Gotteslästerung, wenn man nur jammert – obwohl Gott selbst diese Welt gutheißt.

Was bedeutet all das konkret für Ihren Dienst als Superintendent?

Ich verstehe mein Amt als Dienst an der Freude. Als Begleitung. Als Einladung, gemeinsam hinzusehen, wo etwas wächst. Ich möchte zuhören, ermutigen, vernetzen. Und ich wünsche mir, dass der Kirchenkreis Gifhorn als ein Ort wahrgenommen wird, an dem Menschen auftanken können.

Zum Abschluss noch einmal Ihre Leitfrage – ganz persönlich: Geht’s Ihnen gut?

Die Frage lässt jetzt auch mich stolpern. Ich weiß, dass ich mich auf eine verantwortungsvolle Aufgabe eingelassen, ein großes Amt. Geht es mir da gut? Ja, weil ich Lust drauf habe, weil ich sehr wertschätzend empfangen wurde und weil ich bereits jetzt merke, dass Menschen mitkommen wollen auf neuen – und sicherlich auch immer wieder auf ausgetretenen – Wegen der Kirche. Ja, mir geht´s gut.

Zur Person Andreas Behr:
Der 55-Jährige war nach dem Studium der Theologie und ersten beruflichen Erfahrungen, unter anderem im Veranstaltungsmanagement, zunächst Assistent des Vorstandes des Evangelisch-lutherischen Missionswerkes in Niedersachsen (ELM) und anschließend mehrere Jahre Gemeindepastor in Gifhorn. Später arbeitete er als Dozent für Konfirmandenarbeit am Religionspädagogischen Institut Loccum und als landeskirchlicher Beauftragter für den Kirchentag. Mit seinem Amtsantritt in Gifhorn kehrt er in eine Region zurück, in der er bereits zuvor Gottesdienste, Bildungsangebote und Veranstaltungen maßgeblich mitgestaltet hat.